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Geliebte Birken, Hüter der Erinnerung

Als Kind hatte ich 2 Birken als meine geliebten Freunde. Ich hatte das große Glück in einem Haus mit Garten aufzuwachsen. Es war kein großer Garten, aber für mich war es mein "Königinnen-Reich". Und darin gab es zwei wunderschöne hohe Birken, die ganz nahe nebeneinander standen.


Eines Tages machte ich die glorreiche Entdeckung, daß ich groß genug war um die untersten Äste zu erreichen, mit den Füssen den Stamm hinaufzugehen und mich hochzuziehen. Und auf den nächsten Ast zu klettern... Und den nächsten.... Und den nächsten.... Oh, was war das für eine Freude! Ich war gut im Klettern....flexibel und gewandt.


Es war wie ein Eintauchen in eine andere Welt - das Universum der Birken. Ich erinnere mich mit großer Zärtlichkeit an die samtig glatte Rinde, die alabaster-weiße Farbe...

Die feinen Hautschichten, wie hauchdünnes Papier, die ich vorsichtig abzog wo sie trocken und bereit zur Erneuerung waren.

Heute weiß ich, daß Birkenrinde im Himalaya zeremoniell benutzt wurde um heilige Mantras aufzuschreiben.


Ich erinnere mich an die hellgrünen herzförmigen Blätter. Die durchscheinende Sonne brachte sie zum Leuchten und Ihre Schönheit kam so erst richtig zur Geltung. Sie tanzten im Wind und flüsterten sanft. Und durch das Spiel mit dem Licht ergab sich dieser unwiderstehliche Flimmereffekt, fast wie ein Glitzern.... Mädchen lieben das ja...


Manchmal zog es mich ganz nach oben, wo die Äste dünn und nachgiebig waren. Und doch war ich voller Vertrauen in mein Urteilsvermögen und in die Fähigkeit des Baumes das Gewicht meines Körpers sicher zu tragen. Wenn der Wind auffrischte begannen die Bäume hin und her zu wanken. Besonders ganz oben, wo die Äste weich waren. Und da saß ich, hoch oben, und ließ mich wiegen. Mit einem Gefühl der Verzückung - Freiheit und Sicherheit gleichzeitig! Eins-Sein mit dem Baum!


So konnte ich die ganze kleine Welt meiner Kindheit aus einer anderen, höheren Perspektive betrachten....das Haus, die Gärten der Nachbarn....

Oh! Unterschiedliche Perspektiven haben mich schon immer fasziniert!


Unser Garten wurde an der langen Seite von einer weißen Mauer begrenzt. Sie war an die 2 Meter hoch und dahinter verbarg sich ein wilder Garten mit hohen, für mich ungewöhnlichen Bäumen mit riesigen Blättern... Das ist alles was ich jemals von dem Garten sehen konnte, denn die Mauer verdeckte ja die Sicht. Ich hörte von drüben niemals Stimmen oder Schritte. Für mich war es ein Mysterium was sich auf der anderen Seite verbarg und das Sehnen einmal durch diesen Garten zu gehen war manchmal groß.


Wie die Birken, so war mir auch die Mauer sehr vertraut. Ich "malte" auf ihr mit den Blüten der roten Rosen und mit den blauen Beeren des wilden Weines von dem sie teilweise überzogen war. Sie war meine Ballspielpartnerin....warf mir Tennisbälle zurück... Jeden Tag verbrachte ich Zeit mit ihr.

Und doch sah ich in all den Jahren niemals ihre Rückseite. Dieser Gedanke einmal "die andere Seite der Mauer" zu sehen faszinierte mich zutiefst. Es weckte eine noch viel tiefer gehende Sehnsucht in mir....

Es ist ähnlich wie wenn man täglich den eigenen Handrücken betrachtet und doch niemals die Handfläche gesehen hat.

Und das war übrigens GENAU die selbe Empfindung die ich erlebte, als ich in meinen späten 20ern das erste Mal den Afrikanischen Kontinent betrat. Das Gefühl der Vertrautheit mit dem Land unter meinen Füssen war frappierend! Als ob da ein Wiedererkennen einer uralten Heimat war.... Die andere Seite der "modernen Welt", die wir nie zu Gesicht bekommen, die wir vergessen haben.... und doch, die wo wir als Menschheit unsere tiefsten Wurzeln haben und die uns tatsächlich so nahe ist!


Mein himmlischer Zufluchtsort in den Kronen der Birken erlaubte mir erstmals einen Blick in den für mich so geheimnisvollen Garten.


Auf ähnliche Art und Weise faszinierte mich der Mond. Die helle und die dunkle Seite. Das Sichtbare und das Verborgene....

In manchen Nächten saß ich auf meiner Schreibtischplatte an dem grossen Fenster, im ersten Stock unseres kleinen Reihenhauses und bestaunte den Mond und die Sterne. Ich erinnere mich an eine besonders stürmische Nacht, als ich in einen zauberhaften Bann gezogen war durch den Anblick der hohen Bäume, die im Sturm heftig hin und herwogten....das mächtige Heulen des Windes......die weichen Äste, die heftig herumgeschleudert wurden. In diesen Momenten vernahm ich den unverkennbaren Ruf des/r Göttlichen Geliebten und es wurde eine Sehnsucht geweckt Ihn/Sie zu finden, die seither nicht erloschen ist.


Einige dieser Kindheitsmomente, als ich mich frei und beschützt und wild und eins mit der Natur fühlte, voller überfließender Freude und Ehrfurcht und Liebe zur Schöpfung, waren so bedeutungsvoll, daß sie sich tief in meine Seele einprägten. So tief, daß sie mich bis heute immer wieder an meine wahre Natur erinnern.

Die Birke ist für mich eine Art Verbündete, ein Mitglied meiner geistigen Familie, eine Zeugin, die über die Erinnerung an meine tiefsten Wurzeln wacht.


Als Kind nahm ich mir fest vor mich nicht zu verlieren in der Welt der Erwachsenen, diesen seltsamen Wesen, die offenbar die Fähigkeit verloren hatten über ihre eigentümlich verengte Sichtweite hinauszublicken. Jeder Geburtstag mit dem sich ein Jahr zu meinem Alter hinzufügte stimmte mich wehmütig. Intuitiv wußte ich was kommen würde, daß mir das Kindheitsparadies durch die Finger gleiten würde.

Hier bin ich nun, in meinen frühen Vierzigern. Und wie sehr ich mich doch verstrickt und verrannt habe. Jetzt kann ich sagen, daß ich trotz meiner besten Intentionen wirklich keine Chance hatte dem Unvermeidbaren zu entkommen. Wie die Meisten von uns ging ich durch viele Martyrien des Lebens - verlorene Lieben, verlorene Kinder, zerbrochene Träume, Verrat, Selbst-Verrat, Krankheit, ...


Die entscheidende Frage bei all dem ist jedoch:

Lassen uns diese Erfahrungen des Lebens verschlossener, verspannter, mißtrauischer und enger werden und halten wir umso verkrampfter fest an unseren vermeindlichen Sicherheiten?

Oder ergeben wir uns dem Leben und lassen los, erkennen, daß alles woraus wir unseren Wert und unsere Identität beziehen und wovon wir uns Erfüllung versprechen zerbrechlich und vergänglich ist? Daß nichts von all diesem Erworbenen unserem wahren Selbst entspricht? Legen wir alle Verkleidungen ab und haben den Mut nackt dazustehen, genauso wie wir sind? Lassen wir alle Waffen fallen und öffnen unsere Hände wissend, daß wir immer frei sind zu geben und zu empfangen, aber nichts für immer festhalten können? Beginnen wir tiefer zu blicken und unser wahres Wesen wieder zu entdecken, uns auf den Weg zu unserem wahren Zuhause zu machen?


Welch unglaubliche Freude es für mich ist die Fäden der Erinnerung aufzuspüren und sie aufzunehmen...den Brotkrumen zu folgen, die die Mutter des Universums wohlwissend für mich bereits in meinen frühen Lebensjahren ausgelegt hat...

Wieviel Mut, wieviel Stärke, wieviel Geduld, wieviel Durchhaltevermögen, wieviel LIEBE nötig ist um sich Schicht für Schicht von all den angesammelten Konditionierungen zu befreien. Wieviel Angst wir uns zu stellen haben.....wieviel Sterben falscher Identitäten und Sicherheiten wir zu ertragen haben...


...bis wir bereit sind für Befreiung, bereit für den freien Fall.....in die Arme der universellen Mutter.


Ich weiß nicht, was dieser Lebensweg noch für mich bereit hält oder wie lange es dauern wird, bis ich für immer in Ihrer Umarmung sein darf, aber ich mache mich bereit!

Da ist ein Gefühl der Aufregung.....wissend, daß der/die Geliebte nahe ist!












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